Anna Teil 4

Er verstummte für einen Moment und ich sah, daß in seinen Augenwinkeln stumme Tränen zu glänzen begannen. Er schluchzte kurz, dann erlangte er wieder seine Fassung und fuhr tonlos fort.
”Sie hat mir aufgezeigt, daß ich krank war, einer Manie verfallen, die mich das Leben verkennen ließ. In einem völlig anderen Licht sah ich mich, in einem Spiegel, aus dem mir mein Gesicht nicht mehr entgegenlachte, sondern zu einer Fratze entstellt war. Niemals erzählte ich ihr von meiner Häßlichkeit, niemals legte ich sie offen. Ich weiß nicht, wie es mir gelang, dies solange zu verheimlichen aber sie merkte nichts davon, zumindest in den ersten Jahren nicht. Ich muß gestehen, daß ich auch vorsichtiger wurde, meine Umtriebe reduzierte, ja, wenig Gefallen in dieser Zeit daran fand. Denn war meine Lust von etwas anderem gefangen, wollte ich, der niemals zuvor eine Freundin hatte, sie in diesem Neuen ausleben, nirgendwo anders vergeuden. Wir beide liebten uns und es lief so, wie es wohl immer läuft: wir heirateten. Unser einziges Kind, meine Tochter Anna, kam ein Jahr nach unserer Hochzeit zur Welt und bis dahin vergingen wir liebend in eitler Wonne. Doch kurz nach der Geburt klang die Lust an meiner Familie ab, nur Gott weiß warum. Vielleicht fühlte ich mich eingeengt, vielleicht sehnte ich mich wieder nach neuen alten Freuden. Lange hatte diese Lust geruht und fast schon vergessen glaubte ich sie, da schoß sie eines Tages wie ein Vulkan wieder in mich. Und alles Versäumte wollte ich mit einem Schlag nachholen. Aber einen Unterschied gab es: erschien ich früher in den Augen anderer immer als Unbeteiligter, so gab ich mir inmitten meiner Familie keine Mühe mehr, mich zu verstecken. Direkt drangen alle Gemeinheiten an meine Frau und meine Anna. Es war eine schreckliche Zeit. Denn die Lust an meinem Spiel brannte wieder in mir, heftiger als jemals zuvor. Doch schuf meine ungebrochene Liebe zu meiner Familie einen Gegner, der sich ihr heftig widersetzte. Und aufgerieben wurde ich von diesen Kämpfen, überfielen mich Nervosität und Unbehagen, ja, ein Gewissen trug ich plötzlich mit mir, das schwerlastend mich immer bedrückter die Tage beginnen ließ. Und doch wollte ich es spielen, mußte es spielen.

Aus einem inneren Zwang heraus, der lange geschlummert hatte und nun wieder hellwach war. Oh Gott, wie weh tat ich meiner Frau, wie schmerzte ich meiner Anna. Ja, es ist unglaublich, aber selbst mein Kind konnte ich vor diesem Zwang nicht verschonen. Schlimmes tat ich ihnen an, leidgetränkte Nächte durchlebten sie, reißende Tränenflüsse schossen aus den Fenstern und Türen unseres Heimes und immer verzweifelter wurde ihr Wehklagen. Was ich ihnen angetan habe, kann ich Ihnen nicht erzählen. Aber glauben Sie mir, es gibt kaum etwas, daß diese Untaten an Bösartigkeit und Gemeinheit übertrifft. Nie habe ich Hand an sie gelegt, nein, daß erschien mir immer als die unterste aller Stufen. Ich marterte ihren Geist, tobte mich in ihren Seelen aus, verstehen Sie, ich trampelte durch ihr heiliges Land, brachte Sturm und hinterließ Verwüstung. Und mit jedem Stück, das in ihnen brach, wurde auch mir etwas entrissen. Ich kann es nicht erklären, bin unfähig, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Ich spürte nur, daß ich einer großen Leere entgegenschritt, wie ich sie niemals vermutet hätte. Diese Liebe zu meiner Familie und die wiedererwachte Lust, vor der selbst – oder gerade – meine Geliebten nicht verschont blieben, dies war mir ein neuer Teufelskreis. Es war die schlimmste Zeit meines Lebens, ach Gott, wenn ich daran denken, läuft es mir eisig den Rücken herab und überfällt mich tiefe Furcht. Wissen Sie, es lief immer nach demselben Schema ab. Zuerst verspürte ich die Lust. Immer größer wurde sie, immer mehr wuchs sie. Dann begann ich mich ihrer zu erwehren, versuchte, standhaft zu bleiben, boten mir dicke Mauern, mit denen ich die Lust umschloß, Schutz und Hilfe. Doch immer wilder tobte der Kampf in mir und so sehr ich mich auch mühte, stets wurde ich in einem schwachen Moment von der Lust überwältigt. Und dann genoß ich das Spiel, mein Gott, niemals empfand ich mehr Freude als in jenen Augenblicken, in denen es meine Familie traf. Und wissen Sie weshalb? Weil ich zum ersten Mal darum kämpfen mußte, Schweiß und Blut vergoß, ja, insgeheim diesen Augenblick ersehnte. Der Wert dieses Spieles war für mich ins Unermeßliche gestiegen. Ach, im Moment dieses Rausches vergaß ich auf alles, wahrhaft auf alles. Gedankenlos gab ich mich hin, ließ mich fallen und fürchtete schon, vor Freude in tausend Teile zu zerspringen. Doch dann, wenn diese Lust gestillt war und die Kampftöne langsam verklangen, ja dann wurde ich von großer Scham und einer eisigen Traurigkeit heimgesucht, an der ich fast erstickte. Mit gramgebeugtem Körper durchschritt ich schweigend die nächsten Tage und kaum meinen Kopf zu heben wagte ich. Bis das Gefühl wieder zu leben begann. Ich wußte, daß es nicht richtig war, entschuldigen Sie diesen Ausdruck, aber ich finde im Moment keinen anderen dafür. Zum ersten Mal in meinem Leben wußte ich es davor und wußte es danach, aber im Moment selbst, mein Gott, im Moment selbst erkannte ich, daß es nicht ich war und doch war es ich. Verstehen sie, ich wollte nicht wahrhaben, daß es ein Teil von mir war, der dies geschehen ließ. Was immer ich mir auch vornahm, wie sehr ich mich auch quälte, ich war im Augenblick gegen dieses Gefühl machtlos und war doch ich selbst! Ist es mir früher Freude gewesen, die gleich einem hohen Ton wundervoll in mir ausklang, so war es mir plötzlich tiefe Scham und ich flüchtete in einen Berg von Lügen. Weil ich nicht stolz darauf war, weil die Wärme sich verändert hatte, weil ihr eine Kraft zugrunde lag, die mein Leben zerstörte und das meiner Lieben angriff und zersetzte und nicht jenes meiner Freunde und Bekannten, das mich nur striff, aber nicht berührte.”

Er verharrte für einen Moment still, dann nahm er den Wodka, leerte ihn in das volle Glas Bier und trank es auf einen Schluck leer.
Tief ergriffen war ich von seinen Worten und mit bewegter Stimme fragte ich ihn: ”Sie sprechen immer in der Vergangenheit. Hat sich etwas geändert?”
Er lächelte mir milde zu.
”Ja, mein Herr, vieles hat sich verändert. Doch habe ich erst gestern Abend von dieser Veränderung erfahren. Aber lassen Sie mich in meiner Erzählung fortfahren. Wie gesagt, litt ich schwer unter der Demütigung, die ich meiner Familie zuteil werden ließ und, ja, man kann es durchaus so bezeichnen, dem Verrat, den ich an ihr übte. Ich mußte und wollte zu einem Ende kommen, wollte, daß es aufhört und niemals wiederkehrt. Denn meine Frau und meine kleine süße Anna verfielen zusehends. Schweigsam wurden sie und mit traurigen Augen wandelten diese einst so lebensfrohen Naturen verwirrt umher. Und doch kam es ihnen niemals in den Sinn, mich zu verlassen, selbst das Ende auszusprechen. Nun gut, ich überlegte lange, von welcher Seite ich mir Hilfe erwarten konnte. Ich besuchte Gruppentherapien und Einzeltherapien, vergrub mich in Literatur und besuchte jeden Vortrag, von dem ich mir Hilfe und Erkenntnis erhoffte. Ich ließ nichts unversucht. Aber niemand fand sich, der mir helfen konnte. Alle versprachen sie und boten doch nichts. Großer Gott, welch kalte Tage dies waren. Und dann tat ich etwas, daß mir als letzter Ausweg erschien. Ich ging zur Polizei und erstattete Selbstanzeige. Ja, Sie werden sich jetzt sicher wundern. Aber so war es. Ich ging zur Polizei und erstattete Anzeige gegen meine Person. Ich bekannte mich schuldig und waren sie anfangs etwas verwirrt, so nahmen sie meine Schuld doch an. Und wissen Sie, was dann passierte? Drei Monate später, ich wiederhole, drei Monate später erhielt ich eine Gerichtsvorladung. Drei Monate, in denen ich, meine baldige Erlösung vor Augen, quälte, drei Monate, in denen ich wie niemals zuvor gewütet habe und mir die Anzeige Rechtfertigung für meine Taten war. Vor Gericht bekannte ich mich abermals schuldig und schnell wurde ich abgeurteilt. Man überwies mich in eine geschlossene psychiatrische Anstalt, in der ich sechs Monate verweilte. Das ganze geschah vor, warten Sie einen Augenblick, hmm ... nun ja, vor etwa neun Monaten, im Spätsommer des letzten Jahres. Ja, sechs Monate saß ich in dieser Anstalt, bekam in dieser Zeit weder meine Frau noch meine Anna zu Gesicht. Dies war Teil meiner Therapie und wenn ich sie zwar nicht als falsch erachtete, so doch als ein wenig, nun ja, zu extrem, zu streng. Verstehen Sie, ich tat es meiner Familie wegen und nur sie waren es, die mir Streicheleinheiten geben und die dunklen Tage des Nagens und Zweifels als sinnvoll erscheinen lassen konnten. Stattdessen aber wurde ich mit Tabletten und leeren Worten krankgeheilt. Schon bald erkannte ich, daß ich auch hier keine Hilfe erwarten konnte und so schnell wie möglich wollte ich diesen Ort verlassen. Und wieder waren mir Höflichkeit und Lächeln magischer Schlüssel zur Freiheit. Einsicht und Erläuterung täuschte ich vor, höflich lächelnd, ja, wahrhaft, es genügte. Aber ich hielt es an diesem Ort nicht mehr aus. Denn Fragen habe ich gestellt und Antworten erhalten, deren Frage ich nicht kannte. Zu dem Aufenthalt in dieser Klinik wurde ich länger als sechs Monate verurteilt, aber Dank meines Schlüssels war nach einem halben Jahr auch dieser Versuch zu Ende gegangen. Und wissen Sie, worin der Irrsinn hierbei lag? Ich betrat die Anstalt und man sagte mir, ich sei schlecht. Ich verließ die Anstalt ein halbes Jahr später und man sagte mir, ich sei gut. Und so ich stand mit meinem Koffer vor den geschlossenen Türen dieser Anstalt, blickte auf die leere Straße, die vor mir lag und nach Freiheit roch und wußte doch, daß ich kein anderer war als jener, der einst durch diese Türen schritt. Einige Monate zuvor hatten wir das Haus am Ende der Straße erworben und viele Hoffnungen flossen in einen Neubeginn. Ich kam nach Hause und waren die ersten Tage voller Freude, so erkannten wir doch schon nach kurzer Zeit, daß sich nichts verändert hatte. Meine Frau spürte meine Liebe und klammerte sich voller Hoffnung an sie und unglaublich erschien und erscheint mir ihre Kraft, an meiner Seite verharrt zu sein. Etwa drei Monate bin ich nun auf, -ha-, freiem Fuß. Aber, mein Freund, ich sage Ihnen, daß sich nur der Wohnort geändert hat, das Leben ist dasselbe geblieben. Tja, das ist meine Geschichte, nicht mehr und nicht weniger. Niemand, der dies vermuten würde.”
”Und was meinen Sie mit dem Ende” flüsterte ich.
”Mit dem Ende? Nun, gestern habe ich eine Entscheidung getroffen. Aber bei aller Freundschaft, ich möchte hierzu nichts verraten. Doch können Sie sicher sein, daß es der rechte Weg ist. Nichts anderes mehr erscheint mir als sinnvoll. Nach Gerechtigkeit und Erlösung auf jede Art suchte ich, doch fand ich nur Recht und Betäubung. Nein, so verzweifelt werde ich nicht mehr durch diese Welt wanken, nein, -ha-, niemals wieder. Gerechtigkeit gibt es hier nicht, wie denn auch? Aber den Weg, der mich zur Gerechtigkeit führt, diesen Weg werde ich alleine begehen. Denn an seinem Ende erhoffe ich, meine Erlösung zu finden. Niemand soll mich begleiten, niemand darf mich begleiten. Und nun, mein Freund, dessen Namen ich nicht einmal kenne, möchte ich mich bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit bedanken und mich von Ihnen verabschieden.”
Er stand auf und reichte mir seine Hand. Ergriffen war ich von seinen Worten und mechanisch streckte ich ihm meine Hand entgegen, die er fest umschloß.
Er nickte mir ernst zu, legte einen Geldschein auf den Tisch und verließ das Lokal. Ich sah ihn niemals wieder.

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Meine nächsten Tage verbrachte ich in tiefem Sinnen über diesen Mann und seine Geschichte. Bedrückt war ich und die blauen Sommertage schienen viel von ihrer Farbe und Fröhlichkeit verloren zu haben. Schwer tat ich mir zu verstehen und versuchte es dennoch stets aufs Neue. Aber immer wieder erschien das Gesicht jenes Mannes vor mir, verzweifelt und traurig. Und von Schwermut war ich erfüllt, wenn ich in diesen Momenten an seine Familie dachte. Und so vergaß ich nach und nach, mich in seiner Geschichte zu vergraben, sondern trauerte im Stillen um eine Familie. Doch auch das sollte ich erst viel später erkennen. Eine Woche, nachdem ich mit dem Herren zusammentraf, dessen Name mir bis heute nicht bekannt ist, fand ich mich wieder wie gewohnt zur Mittagszeit in dem Café ein. Als ich durch die Tür trat, lief mir Fräulein Barbara aufgeregt entgegen und hielt mir ein blaues Kuvert vor mein Gesicht. ”Der Brief ist für Sie” rief sie mit heller Stimme. ”Von dem Herrn, mit dem Sie einige Male beisammen gesessen sind. Sie haben doch schon davon gehört, oder?”
”Wovon gehört” erwiderte ich verwundert.
”Von dem Herrn” antwortete sie, ” von dem Herrn, der einige Male bei Ihnen am Tisch saß. Er hat die Stadt verlassen. Für immer, wie geflüstert wird. Obwohl diese Familie kaum jemand kennt, so ist es doch seit Tagen schon das Gespräch. Mein Gott, was an den Tisch gemutmaßt und erzählt wird, unglaublich. Die wunderlichsten Geschichten kommen einem zu Ohren. Hier, nehmen Sie schon.”
Mit einem dunklen Gefühl der Vorahnung ergriff ich den Brief und setzte mich. Nachdem ich meine Bestellung aufgegeben hatte, öffnete ich das Kuvert und entnahm ihm einen halbseitig beschriebenen Bogen Papier. Aufmerksam begann ich zu lesen.

”Mein lieber Freund, verzeihen Sie mir die wenigen Zeilen, die ich Ihnen zukommen lasse. Aber es erscheint mir als unerläßlich, daß Sie nun um jenes Ende, von dem ich sprach, wissen. Mit Ende meinte ich schlicht und einfach meinen Fortgang von dieser Stadt, von meiner Familie. Nicht mehr fähig war ich, sie noch länger zu quälen, zugrunde daran wären wir alle drei gegangen. Meine kleine Anna, mein kleines Leben, erwähnte ich in meiner Erzählung, daß sie für mich die Erfüllung ist, daß ich erst durch sie vom Leben erfuhr, durch ihren ersten Schrei zu hören verstand? Mein Gott, kaum ein Wort über sie habe ich wohl verloren, denn mit zuviel Schmerz ist es verbunden. Ich kann mich jetzt in Gedanken an dieses kleine Bündel Mensch meiner Tränen nicht mehr erwehren und viele Abende und Nächte werden folgen, in denen sie meine Einsamkeit begleiten. Still habe ich sie werden lassen und sie ihres süßen Lachens beraubt. Ein Goldmund, aus dem immer vergnügte Laute drangen war sie, mit strahlenden Augen die Welt betrachtend und immerzu nach allem tastend. Und wohin habe ich sie geführt? Kaum sechs Jahre alt ist sie und sitzt stumm und mit verlorenem Blick auf ihrem Bett, verweigert ihr Lachen und fürchtet die Nähe der Menschen. Verstehen Sie nun, was ich angerichtet habe? Oft frage ich mich, ob sie sich im Stillen wundert, wie die Menschen es vollbringen, zu lachen. Ich fürchte die Antwort auf diese Frage und niemals möchte ich sie erfahren. Nein, nicht länger an ihrer Seite darf ich bleiben, ja, mein Gehen erscheint mir als ihr letzter Fluchtweg. Ich sage Ihnen, es brennt in dieser Stadt und es brennt auf der Welt. Feuer bin ich und niemand ist mich zu löschen imstande, niemand außer mir selbst. Erfüllt von Heimweh ziehe ich nun meiner Wege, in ferne Länder und fremde Städte. Wissen Sie, was Heimweh bedeutet? Wieviel Liebe es beinhaltet? Mein Gott, selbst die Kraft zu sterben raubt mir diese brennende Wehmut, oh Gott, leer bin ich und doch von solch einer Liebe erfüllt ... und niemals wieder glaube ich lachen zu können. Nur die Hoffnung, daß meine Familie wieder lacht, nur diese Hoffnung treibt meine Füße unermüdlich weiter fremdwärts. Es ist nur noch dieser Wunsch, der mich beseelt. Als Buße für mein Wesens erscheint es mir, und doch tue ich es nicht aus diesem Grund, sondern einzig der Liebe zu meiner Frau und meiner kleinen Anna wegen. Wenn Sie diese Zeilen lesen, bin ich längst nicht mehr im Lande. Auch wo ich mich befinde, kann ich Ihnen nicht sagen. Weiß denn ein Irrender, welchen Weg er wankt? Gott schütze meine Anna.”

Langsam ließ ich den Brief in meine Tasche gleiten. Das Essen war an diesem Tag wohl Stunden vor mir gestanden, jedoch bemerkte ich es nicht. Den ganzen nachmittag bin ich in dem Café gesessen und war in tiefen Gedanken versunken. Lange schon war der Abend über die Stadt hereingebrochen, als ich mich heimwärts begab, meine Hände in den Taschen und den Brief fest umklammernd. Und ich glaube mich zu erinnern, daß mir auf dem Heimweg eine Träne über die Wange lief.

Der prächtige Sommer verging und schuf Platz für den schon ungeduldig wartenden Herbst. Es war eine schöne, friedliche Zeit, die ich in I. verbracht hatte und gerne denke ich an diese Tage zurück. Viele Jahre sind seit diesem Sommer vergangen und vieles ist seitdem geschehen, gekommen und vergangen. Gutes wie Schlechtes, Heiteres wie Trauriges. Stolz bin ich, das es mir auf wunderliche Weise gelang, mein fröhliches Wesen über die Jahre hinweg zu retten. Doch manchmal, wenn ich in einer späten Abendstunde auf meinem Heimweg von Heiterkeit erfüllt nach den Sternen sehe und verzückt meine, daß meine Arme sie fassen können, wenn mir der Mond silbern zulächelt und die dunklen Schatten der Bäume sich sanft zu meinen Füßen wiegen, wenn mir die Welt so rein und vollkommen erscheint, flammt plötzlich die Erinnerung an jenen Mann und an Anna wie eine Sternschnuppe am Himmel auf und läßt das Lächeln auf meinen Lippen ersterben. Und dann schelte ich mich einen Narren, daß ich für einen Moment dachte, die Welt sei vollkommen.

(C) 2005 Oliver Forrest - Alle Rechte vorbehalten.

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