Mobbing in der Firma. Die Leidensgeschichte eines Buchhalters. Kapitel 2.

Jahrelang habe ich das geduldet, jahrelang, aber ab heute ist Schluß. Ja, heute ist der absolute Tiefpunkt erreicht. Wenn ich mich jetzt nicht zur Wehr setze, dann werde ich diese Plattform nie wieder erreichen, werde im Dunkel des Lebens ertrinken. Nie nie nie wieder wird jemand so mit Alfred Gutmann umspringen, wie sie es bisher taten. Vor versammelter Belegschaft hat er mich, nur mich alleine für die Mißstände der Firma verantwortlich gemacht, vor allen etwa fünfzig Angestellten. Und gelacht haben sie darüber, Salmer und all die anderen. Dabei waren dies Fehler in Abteilungen, mit denen ich niemals in Berührung gekommen bin. Aber es muß wohl immer einen Sündenbock geben ... oder einen Menschen, dem man jegliche Schuld zuschiebt, um das für sich selbst Unerklärliche zu erklären. Aber wie soll denn solch eine Erklärung jemals Halt finden? Bodenlos ist sie, ohne Sinn, ohne Idee! Nur die Bequemlichkeit ist Vater dieser Sünde, Vater dieser Niedertracht, und in mir haben sie ihre Opfergabe gefunden.”

Gutmann nahm das Glas vom Boden und trank es leer. Er stellte es auf den Tisch, nahm die Flasche, setzte an und trank auch diese auf einen Zug leer. Für einen Moment verzog er angewidert das Gesicht, dann warf er die Flasche in eine Ecke, wo sie unter lautem Krach in hunderte Teile zerbrach. Er streckte die Faust gen Himmel und schrie mit kämpferischer Stimme: ”Aber ab morgen werde ich ihnen nicht mehr mit gesenktem Haupt entgegentreten, werde mich nicht mehr hinter dem Mantel der Demut verstecken, werde meine Abende nicht mehr damit verbringen, meine Wunden zu lecken, meine Wunden zu verarzten. Ab morgen werde ich in den Spiegel meiner Seele blicken können, ohne jene Erbärmlichkeit fürchten zu müssen, die mich aus diesem bisher stets mit traurigen Augen angestarrt hat. Die Abende werden von nun an erfüllt sein mit gesponnenen Ideen, werden mit Plänen geschmückt, die ich, ein Glas Rotwein in der Hand, gemütlich auf der Couch sitzend, schmieden kann. Seit Jahren habe ich kein Buch mehr zu Ende gelesen, jede Wunde verbot es, nicht eine Seite konnte ich lesen, ohne sie zu verspüren. Auch das wird ein Ende haben. In Ruhe ein Buch zu lesen, darin zu versinken, diese Welt zu betreten, um die tatsächliche für einen Moment zu vergessen, daß ist es, womit ich von nun an meine Abende ausfülle.”

Er öffnete eine weitere Flasche Rotwein und ließ sich mit dieser auf die Couch fallen. Wild hämmerten die letzten Worte in seinem Kopf und ein Glücksgefühl begann ihn zu erfüllen. Nachdem er sie zur Hälfte geleert hatte, gedachte er plötzlich jenes Menschen, der ihm in seinem kargen kalten Leben für einen Moment den Hauch von Wärme verspüren ließ. Ein junge Frau namens Andrea, welche er vor etwa zehn Jahren verehrt hatte. Es war dies die einzige Frau in seinem Leben, für die er tief in seinem Inneren empfand. Nicht davor und nicht danach gab es eine andere Dame, nur sie, Andrea, war das einzige Wesen in seinem Leben gewesen, das ihn für einen Augenblick diese Welt mit anderen Augen hatte betrachten lassen. Doch zögerte er damals zu lange, trat unruhig von einem Fuß auf den anderen, keinen Schritt vorwärts wagend. Als er nach langem Überlegen doch den Mut fand, diesen Schritt zu setzen, als er sie ergreifen wollte ... da fuhr seine Hand ins Leere. Diesem Menschen, den er kaum berührt hatte, trauerte er nun nach, und diese Trauer war nicht weniger intensiv, nicht weniger romantisch und herzzerreißend als jene, die man für einen Menschen empfindet, mit dem man Jahre verbracht hat, Jahre, die keinen Tag ohne Berührung aufwiesen. All seine Wünsche, all seine Träume und Hoffnungen waren in ihr vereint, in dieser Frau namens Andrea. Lächelnd betrachtete er im Geiste jenes Bild, daß er nun schon zehn Jahre lang mit sich trug.

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”Heute würde ich sie wohl kaum wiedererkennen” murmelte er mit trauriger Stimme. ”Was hätte nur aus uns werden können? Ach, wie schön wir es doch haben hätten können. Aber jetzt ist Schluß mit all der Sentimentalität” fuhr er wieder in gereiztem Tone fort und ließ ihr Bild verschwinden, ”jetzt wird gekämpft. Ich werde an Salmer einen Brief schreiben, eine Kriegserklärung, eine Herausforderung. Nie wieder werden sie nach diesem Brief so mit mir umspringen. Wenn Salmer sein Verhalten mir gegenüber ändert, so werden es auch die anderen. Ja, ich werde diesen Brief mit Krallen versehen, so scharf, daß ihm ein Schauer über den Rücken jagen wird.”
Mit einem Satz, in welchem all seine wiedergewonnene Kraft lag, sprang er auf und setzte sich an den Tisch. Er entnahm einer Lade einen Bogen Papier und einen Stift. Dann trank er noch einen kräftigen Schluck, sah für einen kurzen Moment an die Wand, als würden auf ihr die Worte geschrieben stehen, nach denen er suchte und ... begann zu schreiben. Er schrieb in großen geschwungenen Buchstaben, die all die Verzweiflung ausdrückten, schrieb auf solch eine harte Weise all die Worte nieder, daß sein Ärger aus jedem dieser tiefdunklen Buchstaben zu brüllen schien, legte den Kopf seiner Schrift in solch einer Schräge nach rechts, die unmißverständlich jedem Leser dieser Zeilen verriet, daß der Verfasser seiner Zukunft aufrecht und mit gestählten Schultern entgegentritt. Er schrieb ein Seite, eine zweite, eine dritte, er schrieb und schrieb; es war, als würde er sich die gesamte Bitterkeit seines Lebens von der Seele schreiben. Und es war seine Seele, welche den Stift führte; unverkennbar war es ihre Schrift. Keine Linie, die diesem Brief Halt gab, nein, von vielen Linien war er durchzogen. Nebeneinander liefen sie, hintereinander, ohne sich jemals zu berühren; hörten abrupt auf, um eine halbe Seite, eine Seite oder drei Seiten später wieder aufgenommen zu werden. Schwere dunkle Wolken überzogen jede Seite und kleine giftige Blitze zuckten aus allen Zeilen immer wieder für einen kurzen Moment auf. So still es in diesem Zimmer war, man nur das Geräusch des wütend arbeitenden Stiftes vernehmen konnte, so sehr tobte die Kraft des Wortes in voller Lautstärke in diesem Brief, schien bereit zu sein, alles sich ihm in den Weg stellende niederzureißen. All sein Kampfmut träufelte auf unzählige weiße Blätter, die wie Schlachtfelder vor ihm lagen, all sein Aufbäumen gegen die Vergangenheit floß aus seiner Feder, tauchte die Blätter in grimmiges Schwarz, das jedem Gegner das Fürchten zu lehren schien. Die Uhr zeigte schon weit nach Mitternacht, als er den Stift zur Seite legte und zufrieden auf zwanzig beschriebene Seiten blickte. Ohne sein Werk noch einmal durchzulesen steckte er es in einen Briefumschlag, klebte diesen zu und adressierte ihn an den Geschäftsführer, Herrn Salmer. Von neuer Energie durchflutet sprang er auf, zog sich seinen Mantel über und verließ die Wohnung. Hastig rannte er die Treppen hinab, übersprang im Dunkel des Hauses gewagt drei, vier Stufen. Doch nichts konnte ihm jetzt passieren, jetzt, mit diesem Brief in der Hand. Unsterblich fühlte er sich, eisern wie schon lange nicht mehr. Gestärkt durch den Saft der Entschlossenheit, das Blut des Mutes, welches in seinen Adern kochte, trat er aus dem Haus in die dunkle kalte Nacht; ein freudetrunkenes Herz in sich tragend, dessen Pochen dem Schlagen einer Kriegstrommel glich. Er rannte die menschenleere Straße hinab, bog an der Kreuzung rechts ab und wäre an der Ecke fast mit einem Mann zusammengestoßen. Im letzten Moment sprang er zur Seite. Der Mann trug einen langen dunklen Mantel und hatte seinen Blick auf den Boden gerichtet.

(C) 2005 Oliver Forrest - Alle Rechte vorbehalten. Schon Ideen für Valentinsgeschenke ?

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