Lange ist es nur her, dass dieses Unglück über uns hereinbrach. Ein Ewigkeit, in der ich um Dich hungerte und in der mich nach Dir dürstete. Sie nahmen mir Dich, aber meine Gedanken, meine Erinnerungen vermochten sie nicht an sich zu reißen.
Ich lebte von den Erinnerungen an Dich. Ich aß und trank mich satt an ihnen. Doch mit jedem Bissen, mit jedem Schluck dieser Erinnerungen wuchs mein Hunger und wuchs mein Durst, wurde immer größer, immer unerfüllter. Lange Zeit, die ich alleine in einer kleinen Stadt in der Schweiz verbracht habe. Kalt waren die Zimmer meiner Wohnung ohne Dich, kalt waren die Menschen, die mich umgaben, kalt erschien mir die ganze Stadt. Ach, soviele Minuten, Stunden, Tage, Wochen, die ich mit diesen Wurzeln zu kämpfen hatte. Ich dachte anfangs, sie nie wieder von meinen Beinen lösen zu können. Doch meine Zähigkeit war es, mein unablässiger, unermüdlicher Kampf gegen diese Umklammerung der kalten Knochenhand des Trübsals, die mich schlußendlich gewinnen ließ. Meine Freiheit habe ich wiedererlangt. Verstehst Du, Geliebter, meine Freiheit! Dem Trübsinn konnte ich entkommen, dem Sinken, dem Dunkel. Atmen kann ich wieder, jene Luft atmen, die nur ich will. Viele Tage alleine in einem fremden Land, in einer fremden Stadt mit fremden Menschen. Es war mir, als würde niemand meine Sprache sprechen. Ja, ich entdeckte, dass nur Du meine Sprache sprichst, dass nur Du imstande bist, mich zu verstehen, mich zu lesen. Blind erscheinen mir die Menschen dieser Stadt, blind erscheinen mir alle Menschen dieser Welt zu sein, alle - außer Dir!

Viel habe ich gelernt in der Zeit mit Dir. Viel habe ich erfahren und gelernt, doch was hat es mir am Ende gebracht? Was nach unserem Ende? Kalt hat es mich werden lassen und teilnahmslos. Meinen Blick hat es trüb werden lassen, meinen Kopf hängen, meine Beine schwer und meine Arme schlaff. Soll ich denn auf diese Erfahrung stolz sein? Traurig hat sie mich werden lassen, traurig und immer hungriger nach Dir, Geliebter, nach Dir. Mit jeder Fessel, die ich abstriff, kam ich Dir näher. Mit jedem Näherkommen wurde ich stärker. Und mit jeder neu erlangten Kraft liebte ich Dich nur noch inniger. Und nun kehre ich wieder zu Dir zurück. Stark, erfahren, hungrig, liebend, verlangend. Stark haben mich diese beiden Jahre werden lassen. So stark, dass nichts mehr unser Band zerreißen wird. Erfahren haben mich diese beiden Jahre gemacht. So erfahren, dass ich nun den wahren Wert dieses Lebens kenne und zu schätzen weiß. Hungrig haben sie mich gemacht. So hungrig, dass ich nur noch den besten Geschmack des Liebens möchte. Zu viele, die Süße vortäuschen, an der man im nächsten Moment erbricht. Liebend haben mich diese zwei Jahre entlassen. Liebend und trauernd. Nur einen Menschen auf dieser Welt liebend. Nur einen Menschen auf dieser Welt betrauernd. Verlangend wurde ich in dieser dunklen kalten Zeit der Einsamkeit. Schrecklich verlangend - nach Dir! Vor einer Woche bin ich aus dieser Stadt und aus diesem Land geflüchtet. Zurückgekehrt in jene Stadt, in der ich die schönste Zeit meines Lebens verbracht habe. Die Zeit mit Dir, Geliebter! Zurückgekehrt in die Stadt, die uns einander finden ließ. Ach, ich kann mein Glück kaum fassen. Ein Zimmer fand ich schnell in der Nähe des Westbahnhofes. Dumpf dringt der Lärm der Straße in diesen Raum. Herrlich klingt er, fast wäre ich versucht, ihn als Musik zu bezeichnen. Nein, er ist Musik. Dieser Lärm lässt mein Herz höher schlagen, lässt mich freudig aus dem Fenster blicken. Ja, er spendet mir Freude, Geliebter, denn es ist der Lärm Deiner Stadt. Es ist jener Lärm, den auch Du vernimmst, der auch an Deine Ohren dringt. Wie anders er doch klingt als jener in dieser kalten Stadt in der Schweiz. Ob Du wohl diese Straße an meinem Fenster entlanggefahren bist?

Ob Du wohl in jenem Geschäft warst, in dem ich mir heute zu Essen kaufte? Ob Du wohl mit jener Straßenbahn gefahren bist, in der ich saß? Ach, Geliebter, Du weißt, wie sehr Du meine Gedanken beherrscht. Mächtig bist Du, wie ein König thronst Du hoch über mir. Und ich knie vor Dir und blicke zärtlich auf zu Dir und flüstere mit sanfter Stimme zu Dir und erbitte alles ... alles von Dir! Wie schön Du doch bist, Geliebter! Kein anderes Gesicht hat mir jemals mehr Freude gespendet als Deines, kein anderes Gesicht erschien mir lieblicher. Und nun bin ich wieder in unserer Stadt, suche Deine Nähe, folge Dir, wohin auch immer unser Weg führen mag. Nichts nichts nichts wird dieses Mal unsere Liebe zu trennen vermögen. Zu stark sind wir beide. Stark sind wir geworden, Du und ich! Narben tragen wir beide auf unserer Seele, Narben, die uns diese trostlose einsame Zeit niemals mehr vergessen lassen, die Zeit Deines Dunkels und meines Dunkels. Als Mahnmal wollen sie wir ansehen, als ewig mahnendes Mal des Lebens. Deinen Namen ziert meine Narbe, meinen Namen ziert Deine Narbe. Herrlich wird unsere Zukunft werden. Mit offenen Armen vom Frühling empfangen - was kann uns noch Schlimmes geschehen, Geliebter? Der Frühling wird unser Garten, der Frühling wird unser Haus, der Frühling wird unser Kind, der Frühling, ach, er beginnt, unser Leben zu werden. Pläne trage ich in meinem Herzen, Geliebter. Pläne, die ich in der dunklen Zeit geschmiedet habe und die wir nun verwirklichen werden. Ach, ich seufze unaufhörlich vor Glück. Kannst Du es hören? Ich bin sicher, dass Du es vernimmst! Wo immer Du Dich auch in diesem Moment befinden magst ... es dringt über alle Straßen durch alle Mauern zu Dir, es dringt durch den Himmel und das Universum zu Dir und lässt Dich wissen: ich komme, ich bin auf dem Weg zu Dir! Vielleicht magst Du ein wenig überrascht darüber sein. Doch fasse Dich schnell, Geliebter, denn dies wird der letzte Moment sein, in dem uns das Unheil noch gefährlich werden kann. Begreife schnell, Geliebter, verharre nicht zu lange in Erstaunen. Sonst wird uns das Unglück ein zweites Mal überraschen. Schmiede Deine Pläne weiter (ich weiß, dass auch Du in der kalten Zeit erdacht, entworfen und geschmiedet hast!); sie lassen uns unverwundbar werden.

Ich kann Deine Freude spüren, ja, wie ein warmer, wohltuender Luftzug dringt sie in dieses Zimmer. Ach, Geliebter, all meine Angst wich mit dem Betreten Deiner Stadt. Angst habe ich viel zu lange schon verspürt. Ich wußte, dass Du nach mir suchtest. Ich spürte es. Verzweifelt strecktest Du alle Deine Sinne von Dir, hoffend, mich zu ertasten, erfühlen, erschmecken. Ich spürte es und konnte Dir doch kein Wort zuflüstern. Zu hart, zu unerbittlich der Griff dieser Fesseln um meine Seele. Ich war unfähig, auch nur ein Wort über meine Lippen zu bringen. Doch die Furcht um Dich machte mich fast wahnsinnig. Das Gift der Dornen und die Furcht, Du würdest resignieren, sie begannen langsam, meine Seele aufzulösen. "Du hast aufgehört, mich zu suchen" flößte mir das Gift immer wieder ein. Doch meine Seele verneinte stets mit ruhiger, gefaßter Stimme. Aber sie wurde mit der Zeit immer leiser, immer kraftloser, versuchte immer krampfhafter, ihren Verfall vor dem Gift zu verheimlichen. Immer intensiver spürte ich, wie sie sich allmählich zu ergeben begann. Und dann - dank Dir! - gelang es mir (trotz meines verzweifelten Kampfes war ich darüber selbst ein wenig überrascht), diese Fesseln von mir zu streifen, diesen Weg der Vernichtung zu verlassen. Meine Seele genas wieder, mein Geist begann sich aufzurichten und mein Körper wurde immer leichter. Frei geworden atmete ich tief durch und floh dann aus dieser Stadt, floh direkt zu Dir, Geliebter. Und schon beim ersten Schritt, den ich in diese Stadt setzte, spürte ich, dass auch Du hier bist, hier, in Deiner so geliebten Stadt! Weißt Du, wie glücklich mich das machte? Kannst Du ermessen, welch gewaltige Freude mich in diesem Moment durchströmte? Sie raubte mir den Atem, ließ alle Kraft aus meinem Körper in meine Seele gleiten. Ich mußte im Stadtpark auf einer Bank Platz nehmen, sonst wäre ich vor Glück zusammengebrochen. Vor Glück zusammenzubrechen - kannst Du das verstehen?

Ach, Geliebter, so unbeschreiblich glücklich bin ich, Dich in meiner Nähe zu wissen. Und bald, bald gibt es ein Wiedersehen. Laß mir noch einige Tage Zeit. Ich weiß, dass Dich brennend nach mir verlangt, aber auf einige Tage mehr oder weniger kommt es nach dieser lange Zeit der Einsamkeit und vor dieser Ewigkeit der Zweisamkeit nicht mehr an. Ich möchte in aller Schönheit vor Dir erscheinen. Noch muß ich mich einige Tage pflegen, so manche erlittene Wunde noch verarzten. Aber bald sehen wir uns wieder. Ach, wie schön Du doch bist, Geliebter. Vielleicht werde ich vor unserem Wiedersehen noch einen Brief verfassen, die geballte Freude meines Herzens zu Papier bringen - vielleicht auch nicht. Beruhige Dich, Geliebter, beruhige Dich doch. Ich spüre förmlich, wie Du vor Aufregung erzitterst. Auch mir geht es nicht anders. Aber nun folgen die letzten Tage unserer Einsamkeit. Bald schon werden wir für immer beisammen sein. Warte auf mich, Geliebter, dränge mich nicht und suche nicht nach mir. Es würde nur vieles zerstören. Und das wollen wir beide nicht. Warte auf mich, Geliebter, in wenigen Tagen werde ich wieder bei Dir sein - für immer!
In Liebe, Gabriele.
***
Langsam ließ Andreas Bender den Brief aus seiner Hand auf den kleinen Holztisch seines Arbeitszimmers gleiten. Nachdenklich blickte er durch das Fenster in den wolkenlosen, strahlendblauen Himmel. Er war eben aus der Arbeit gekommen und hatte diesen interessant aussehenden Brief auf seinem Tisch vorgefunden. Aber niemals hätte er vermutet, dass er von ihr wäre, von Gabriele. Gabriele! Weit ging er in der Zeit zurück und öffnete jene Lade, die mit ihrem Namen versehen war. Gabriele! (...)

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