Die letzten Tage des Schüler Oskar Stuckmann. Ein Schülerdrama

”Herr Stuckmann, Ihre Mathematikarbeit hat sich von denen der anderen wieder einmal deutlich abgehoben. Ich möchte damit zum Ausdruck bringen, dass sie niveaumäßig allererster Unterstufe entspricht. Nicht zum ersten Mal sind Sie der einzige, dessen Arbeit negativ ist und der einen trüben Schimmer über den guten Notenschnitt meiner Klasse legt.”

Leise begannen einige Schüler hinter vorgehaltener Hand zu kichern, während ein schmächtiger, kaum fünfzehnjähriger Bursche in der letzten Reihe sich unruhig auf seinem Stuhl zu bewegen begann und der gestrengen Miene des Mathematikprofessors Knaube mit schüchternem Blick begegnete. Von der ersten Stunde an schon hatte der Klassenvorstand Knaube gegen den Schüler Stuckmann einen tiefen Widerwillen gehegt. Der Lehrer konnte sich anfangs den Ursprung, warum gerade dieser Schüler Nährboden seiner dunklen Eigenschaften zu sein schien, selbst nicht erklären. Versuchte er in den ersten Tagen und Wochen, dieses ihn vereinnahmende Gefühl zu unterdrücken und Stuckmann wie jeden anderen zu behandeln, so formte sich mit der Zeit durch die Tatsache, dass sich eben jener Stuckmann als der schwächste Schüler dieser Klasse entpuppte, eine klare Antwort. Und zufrieden dachte er bei sich, welch großer Menschenkenner er doch war und das ihn niemals ein Gefühl trüge. Immer schärfer wies er den Schüler Stuckmann in den Unterrichtsstunden zurecht und immer beleidigender wurden die Worte, mit denen er ihn bedachte. Voller Überzeugung, dass seine Bestimmung als Lehrer ihm hierfür das Recht gab, stürzte er sich eifrig auf den Schüler und tobte sich in dem weiten Angriffsfeld, dass ihm dessen unbefriedigenden Leistungen boten, genussvoll aus.

”Das ist nun schon die vierte negative Arbeit von ... na, raten Sie, wie vielen ... richtig, vier Arbeiten. Sechs Wochen noch dauert es bis zur Notenkonferenz und wenn bis dahin nicht ein Wunder geschieht, werden Sie Ihr erstes Jahr hier mit einer Fünf abschließen. Ich kann mich nur wundern, dass Sie, nachdem Sie schon das erste Halbjahr verschlafen haben, sich jetzt nicht zusammenreißen und zumindest ansatzweise Interesse und Einsatz zeigen. Ihre Mitarbeit lässt zu wünschen übrig, ja, mir scheint, Sie sehen den ganzen Tag nur aus dem Fenster und lassen den Schultag unbeachtet vorüberstreifen.”
”Aber die Hausübungen bringt er doch immer brav” wandte der kleine Schuller mit kecker Stimme ein.
Wieder erklang dumpfes Gelächter im Klassenzimmer.

”Das die Hausübung nur von drei oder vier Schüler zu Hause verrichtet wird, um dann in der Pause vom Rest hastig abgeschrieben zu werden, ist sogar mir bekannt, Herr Schuller. Halten Sie mich nur ja nicht für so dumm. Meiner Ansicht nach sollte es überhaupt keine Hausübungen mehr geben. Das wäre ein erster großer Schritt in eine Selbständigkeit, die Ihnen in späteren Jahren nur von Nutzen sein kann. Wer lernen will, setzt sich in seinem Zimmer zu einem Buch und lernt. Und wen es nicht interessiert, ja, dessen Buch bleibt des Abends geschlossen. Den Lohn für diese Faulheit wird er schon noch erhalten. Aber wenn ich keine Hausübungen mehr geben würde, ja, was glauben Sie, wie schnell Ihre Eltern an meiner Türe stehen. Nein, die Zeit ist leider noch nicht reif dafür.”
Er seufzte tief, dann fuhr er mit eiserner Stimme fort: ”Herr Stuckmann, in fünf Fächern haben Sie im Halbjahr eine Fünf stehen gehabt, wahrlich ein kleines Wunderwerk. Zur Zeit stehen Sie in Mathematik auf einer Fünf minus.”
Ein sandte ein boshaftes Lächeln in die letzte Bank.
”Gestern habe ich mich mit einigen Kollegen unterhalten. In Französisch, Buchhaltung und Rechnungswesen sieht es nicht anders aus, in Stenographie und Englisch sind Sie ein extrem gefährdeter Wackelkandidat. Und wie ich vermissen auch meine Kollegen Ihre Mitarbeit. Stuckmann, mein Gott, Stuckmann, haben Sie denn den Ernst Ihrer Lage immer noch nicht begriffen? Hier, sehen Sie,” er hielt Stuckmanns Mathematikarbeit mit beiden Händen der Klasse entgegen, ”rot, wohin das Auge blickt. Von sechzig möglichen Punkten hat unser lieber Herr Stuckmann gerade einen Punkt erreicht. Das hat es in meiner nunmehr dreißigjährigen Laufbahn als Mathematikprofessor nicht gegeben.”
Er legte die Arbeit wieder zu den anderen auf den Lehrerpult zurück.



”Und wissen Sie, warum ich diesen einen Punkt gab? Weil es unser Herr Stuckmann, wohl unter größter Anstrengung, vollbracht hat, zumindest seinen Namen und das Datum korrekt zu schreiben” höhnte er mit finsterer Miene. Wieder erklang Gelächter und einige Kameraden machten sich nicht mehr die Mühe, ihr Lachen hinter der Hand zu verbergen. Knaube schien dies zu genießen, denn mit zufriedener Miene wartete er, bis diese Heiterkeit wieder verebbt war.
”Mein lieber Stuckmann, mein lieber Stuckmann, was machen wir nur mit Ihnen? Ja, es wird Ihnen wohl kaum erspart bleiben, den Jahrgang zu wiederholen.”
Abermals seufzte er auf, dann sah er in die Klasse.
”Wissen Sie, meine Damen und Herren, Sie sind der beste Jahrgang, den ich führe, seit ich hier an der Schule bin. Ja, ich habe viele gute Jahrgänge gehabt, aber Sie sind der beste. Doch unser lieber Herr Stuckmann verleidet mir den besten Notenschnitt meiner Zeit hier. Ich bin gestern Abend zuhause an meinem Tisch gesessen und habe mir den Notenschnitt ohne die sonderbaren Arbeiten des Herrn Stuckmann errechnet. Und mit viel Freude, aber auch einigem Missfallen bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass der Schnitt dieser Klasse der beste wäre”, er blickte ernst in die Runde, ”wie gesagt, ohne die beinahe merkwürdig anmutenden Arbeiten unseres lieben Herrn Stuckmann.”
Nachdem diese bedeutungsvollen Worte langsam vertrocknet und doch heiß in den Kopf eines jeden Schülers gefahren waren und nun begannen, an so manchem Stolz ein wenig zu nagen, tat er einen Schritt in den Mittelgang und hob in flehender Gestik beide Hände empor.
”Und nur um ein Geringes liegen wir mit dieser Arbeit über dem Schnitt der A-Klasse” fuhr er mit ärgerlicher Stimme fort.
”Ja, Professor Gluthofer wird sich jetzt wieder glücklich zurücklehnen und zufrieden seine Hände reiben. Mein Gott, dabei ist er als Lehrer doch
nicht unbedingt ... na ja, lassen wir das. Er hat bei der Besetzung wieder einmal Glück gehabt. Keine einzig negative Note im ganzen Jahr gab es bei seinen Mathematikarbeiten.”

Und seufzend fügte er noch hinzu, dass die Arbeiten Gluthofers keineswegs an die Qualität seiner Aufgabenstellungen heranreichten und daher ein Erfolg über die A-Klasse doppelt gewichtige Bedeutung bekäme.
”Man kann ja aufgrund der Aufnahmeprüfung die Reife eines Schülers nicht erkennen, ach, durchlässig ist dieses Sieb, unverantwortlich und fahrlässig. Unverantwortlich den Lehrern gegenüber, die wir uns dann mit Problemen herumschlagen müssen, die kein Lehrplan berücksichtigt. Und so wird wichtige Zeit vertändelt. Aber auch fahrlässig den Schülern gegenüber ist sie, jenen Schülern gegenüber, deren Wahl auf eine höhere Schule fällt und die, geblendet durch die Einfachheit der Aufnahmeprüfung, eine Schulzeit mit kaum höheren Anforderungen erwarten.”
Der Schüler Schuller hob seine Hand und ohne das Nicken Knaubes abzuwarten fragte er: ”Aber dieses Sieb ist doch die erste Klasse, Herr Professor, oder?”
Mit einer schnellen Bewegung wandte er sich an Schuller.”Sehen Sie, Herr Schuller, hier liegt das Problem ja begraben. Alle meinen, das erste Jahr dient dazu, die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber durch diese Trennung wird das Schulwesen im diesem so wichtigen ersten Jahr schleppend. Vergleichen Sie es mit dem Netz eines Fischers, das dieser einholt. Obwohl nur wenige kleine Fische darin zappeln, ist es schwer und nur unter größter Mühe zerrt er es in sein Boot. Und da sieht er, dass sich einige Gesteinsbrocken darin verfangen haben. Gesteinsbrocken, die, auf der einen Seite, einen erhöhten Kräfteverschleiß bedeuten und auf der anderen Seite weitere Fische von dem Netz abgehalten haben. Würde er in einem Gebiet fischen, in dem die Gefahr solcher Gesteinsbrocken nicht besteht, wäre er mit einem ertragreicheren Fang schon längst auf der Heimfahrt.

(C) 2005 Oliver Forrest - Alle Rechte vorbehalten


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