Die letzten Tage des Schüler Oskar Stuckmann. Ein Schülerdrama. Kapitel 2

So aber muß er sich mit den Steinen mühen, muß jeden einzeln aus dem Netz nehmen und wieder zurück ins Wasser werfen, während die Fische ungeduldig im Netz zappeln. Und weil er sich eben mit den Steinen müht, kann es leicht passieren, daß einer der Fische wieder ins Wasser zurückspringt. Er erleidet unter Mühen nur Ärger und Verlust. Verstehen Sie, worauf ich hinauswill? Zuviel Zeit, die aufgewendet wird, um sich solchen Dingen zu widmen. Voraussetzungen sollten geschaffen werden, daß dies vermieden wird. Morsche Balken, über die man mühelos springt, durch die man klettert oder gar mit einem Fußtritt zerbirst bedeutet die Aufnahmeprüfung. Jeder, der ein wenig Schreiben und Rechnen kann, wird sie bestehen.”
Knaube verharrte kurz schweigend, dann machte er kehrt und ging zu seinem Pult. Er nahm die Arbeiten und legte sie einem jungen Mädchen auf den Tisch. ”Teilen Sie die Schularbeiten aus” herrschte er sie an.
Er trat wieder auf den Mittelgang und ließ seinen Blick durch den Raum gleiten.
”Ja, wie gesagt, meine Damen und Herren, die Arbeiten waren, bis auf jene von Herrn Stuckmann, sehr zufriedenstellend. Herr Stuckmann, was machen wir nur mit Ihnen? Ach ja, in der Pause hatte ich ein Gespräch mit Ihrer Französischprofessorin, Frau Levieux. Sie erhalten nächste Stunde Ihre Arbeiten zurück.”
Hektisches Stimmengewirr begann sich zu erheben. Knaube hob besänftigend seine Hand.
”Nein, keine Angst, meine Herrschaften. Wie mir Professor Levieux mitteilte, sind auch diese sehr zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen. Überwiegend Zweien und Dreien, ich glaube, drei oder vier Vieren. Nur eine Arbeit wurde mit Nicht Genügend beurteilt. Sie können sicher schon erahnen, um wessen Arbeit es sich handelt” sprach er spottend und blickte zu Stuckmann. ”Eine weitere negative Arbeit von Ihnen, Herr Stuckmann. Ja, sagen Sie, ist Ihnen eigentlich bewußt, daß Sie sich hier an einer Schule befinden und dies nun einmal Fleiß und Streben voraussetzt? Herr Stuckmann, nun verraten Sie uns allen hier einmal, warum Sie sich für diese Schule entschieden haben? Und welcher Beruf schwebt Ihnen eigentlich vor? Haben Sie etwa gedacht, nach dem Besuch dieser Handelsakademie sofort eine Anstellung als Bankdirektor zu finden?”

Er lachte laut auf und fügte hinzu: ”Das würde mich bei Ihrem Weitblick nicht wundern.” Dann wurde seine Stimme wieder ernst und er setzte sich auf den Lehrertisch.
”Nun, Herr Stuckmann, was haben Sie uns zu sagen?”
Alle Blicke waren jetzt auf Stuckmann gerichtet, selbst das Mädchen, das die Arbeiten austeilte, hielt inne und sah neugierig zu ihm. Die Stille erdrückte den großgewachsenen, schlanken jungen Mann in der letzten Reihe und alle Augen auf sich gerichtet stieß er ein plumpes ”Hmm” hervor. All die erwartungsvolle Stimmung entlud sich nun in großem Gelächter. Knaube erhob sich und mit ruhigen Schritten ging er neben der Tafel auf und ab.
”Hmm ... ist das alles, das Sie zu Ihrer Lage hervorbringen? Finden Sie zu Ihrer Situation nicht erklärendere Worte? Oder bedeutet Ihnen die Schule einfach nur ”Hmm”? Mathematik, Französisch, Englisch und Buchhaltung, stellt das für Sie nur ”Hmm” dar? Die Vielzahl ihrer negativen Arbeiten, die wohl seinesgleichen sucht, ist das einfach ”Hmm”? Heißen Sie vielleicht gar nicht Stuckmann, sondern Stuckhmm?”
Erneut erscholl heftiges Lachen im Zimmer, daß seine Fortsetzung erfuhr, als Knaube das Klassenbuch aufschlug und laut vorzulesen begann.
”Hier steht schwarz auf weiß: Stuckmann, nicht Stuckhmm.”
Er begann zufrieden zu lächeln und klopfte sich im Geiste ob dieses gelungenen Scherzes auf die Schulter.
”Damit hätte ich Sie also entlarvt, Herr Stuckmann.”

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Von seinem komödiantischen Talent nun vollends erfaßt sprach er mit beinahe heiterer Stimme: ”Aber vielleicht besteht ihr ganzes Denken nur aus ”Hmm”. Womöglich steckt ja ein kleiner Philosoph in Ihnen. Ja, so kann ich Sie mir gut vorstellen: an den Pfeiler einer Brücke gelehnt, einen Strohhut in der Hand baumelnd und auf den Fluß blickend, immerzu ”Hmm” ausstoßend und manchmal vielleicht auch ein ”Oh”, daß ja durchaus harmonisch klingen kann. Oder stellt dieses ”Hmm” gar ein Synonym für etwas dar, das wir nicht kennen? Vielleicht eine Gleichgültigkeit, die Sie der Schule entgegenbringen. Oder, weiter gedacht, die Sie für Ihre Pflichten empfinden. Sie befinden sich hier nicht im Garten Eden, Herr Stuckmann, sondern in einer kalten Weltlichkeit, die nur dadurch Wärme erfährt, daß man sich aufopfernd seinen Pflichten widmet und sie erfüllt. Sie können hier nicht faul herumsitzen und darauf warten, daß Ihnen Schätze in den Schoß fallen, oder, um es Ihnen verständlicher zu machen, gebratene Hühner in den Mund fliegen. Menschen wie Sie sind zum Scheitern verurteilt, Herr Stuckmann. Und nicht, daß Sie mich jetzt mißverstehen. Es ist eine Warnung an Ihre Adresse, keine Prophezeiung. Noch haben Sie Kraft und Möglichkeit, dies von sich zu stoßen und den rechten Weg einzuschlagen. Aber vielleicht sind Sie doch nur Herr Stuckhmm und Ihr Weltbild ist ein großes, lautes Gähnen. Ach, wissen Sie was, Herr Stuckmann, kommen Sie doch hervor und erklären Sie uns, wie Sie sich den Weitergang hier an der Schule vorstellen. Kommen Sie nur, haben Sie keine Scheu. Wir sind alle sehr interessiert, was Sie uns zu sagen haben.”
Mit diesen Worten ergriff er seinen Stuhl und stellte ihn vor dem Mittelgang auf. Dann ging er langsam zur letzten Reihe und als er hinter Stuckmann stand, beugte er seinen Kopf leicht herab und flüsterte für jeden in der Klasse deutlich vernehmbar: ”Nun, mein lieber Herr Stuckmann, jetzt liegt es an Ihnen, diese Stunde zu gestalten. Wegen Ihnen haben wir uns jetzt schon fast eine halbe Stunde mit dem Lehrstoff verzögert, da kommt es auf die letzten zwanzig Minuten auch nicht mehr an.”

Mit einer eleganten Handbewegung deutete er zum Gang: ”Darf ich jetzt bitten, Herr Stuckmann. Nun folgt ihr Auftritt. Die Bühne ist frei.”
Eine unheilvolle Stille lag nun im Klassenzimmer, eine Stille, die Oskar den Atmen zu rauben schien. Er schluckte laut auf, dann schob er seinen Sessel zurück und erhob sich. Den Blick demütig zu Boden gerichtet taumelte er langsam dem wütend wartenden Lehrerstuhl entgegen. Unsicher nahm er Platz und wagte nicht, seinen Kopf zu heben und in die Klasse zu sehen. Doch fürchtete er, daß Knaube sogleich ... und da hatte sich seine Furcht schon bestätigt.
”Herr Stuckmann, Herr Stuckmann, darf ich Sie bitten, in die Klasse zu sehen und nicht zu Boden. Oder liegt Ihnen vielleicht jemand zu Füßen?”
Einige Mädchen begannen zu kichern, doch aus den meisten Gesichtern war die Fröhlichkeit entschwunden und eine beinahe ängstliche Anspannung lag in ihren Zügen. Manch einem war unwohl zumute und er begann die Schäbigkeit dieser Minuten zu spüren. Und zwei oder drei sensiblere Wesen erschauerten unter der Aggression, die nun in der Luft lag und die mit jedem Wort Knaubes wie ein immer dichter werdender Nebel das Zimmer erfüllte. Schien es am Beginn der Stunde eine jener Rügen zu werden, die alltäglich hunderte Male aus Lehrermündern erschallen, so erkannte der Großteil der Schüler bald, das Knaube eine Grenze überschritten hatte, die weit über seine Befugnis hinausging. Die meisten aber, die zu dieser Erkenntnis gelangt waren, dachten nicht weiter, sondern versuchten ängstlich, diese vor den anderen und besonders vor Knaube zu verheimlichen. Einige wenige jedoch wagten, auf dem Boden dieser Erkenntnis angelangt, einen Blick. Dunkel ahnten sie, was hinter dieser Grenze lag, doch vermochten sie es nicht in klare Gedanken zu fassen. Erst später würden sie sich dieser Stunde erinnern und gleichwohl ihre Bedeutung erkennen. Der Lehrer Knaube war in die Persönlichkeit des Schülers Stuckmann getreten. Wild polterte er in dessem heiligen Land und tobend stampfte er tiefe Abdrücke in den Boden, stieß alles sich in den Weg stellende mit kräftigen Tritten von sich und hinterließ einen schmalen Weg der Verwüstung. Die Seele des Oskar Stuckmann wurde von den Füßen des Lehrers Knaube mit Tritten bedacht.

(C) 2005 Oliver Forrest - Alle Rechte vorbehalten
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