Er setzte sich an den kleinen Tisch in der Ecke Platz und nahm gedanken versunken einen kräftigen Schluck Kaffee. Verwundert hielt er das Glas von sich und blickte hinein. Dunkel glich die Oberfläche das leichte Zittern seiner Hand aus.
"Hast du gestern neuen Kaffee gekauft" fragte er, ohne den Blick abzuwenden. Seine Frau, die ihm gegenüber saß, verneinte.
"Hm ... eigenartig. Er schmeckt nach nichts. Und zudem ist er kalt."
Er führte das Glas näher an sein Gesicht, seine Nasenspitze berührte leicht den Rand. "Ich glaube, dass er kalt ist."
Seine Frau sah ihn erstaunt an.
"Was heißt, du glaubst, dass er kalt ist? Das wirst du doch fühlen. Aber
ich kann dir versichern, dass ich ihn eben gekocht habe."
Steiner stellte das Glas auf den Tisch. Mit einer abwinkenden Handbewegung, so, als wolle er etwas unerklärbarem nicht weiter nachspüren, fuhr er fort: "Ich werde heute ein wenig früher gehen."

"Viel Glück heute beim Gespräch. Ich werde die Wohnung noch zusammenräumen, dann besuche ich Mutter. Sie wartet immer noch auf unsere Einladung. Herbert, auch wenn sie dir nicht besonders gut gesinnt ist, so bleibt sie doch meine Mutter. Du darfst sie nicht ausschließen. Wir sollten sie nun endlich wieder einmal einladen. Dann hättest du wieder für lange Zeit Ruhe."
Herbert Steiner seufzte laut auf. Sein Frau überhörte dies und schlug ihm vor, sie kommenden Sonntag zum Mittagessen einzuladen.
"Jetzt zieht sich euer Streit schon Jahre hin. Warum denkt ihr beide nicht einmal an mich? Ich leide unter dieser Situation. Es wäre mir ..."
Die Erinnerung an ihre Mutter schien eine alte Wunde wieder aufgestochen zu haben und nun flossen ihr die Worte wie ein reißender Strom aus dem Munde. Doch Steiner nahm sie immer verzerrter wahr, bis sie sich in nur noch zwei Tönen verwandelt hatten. Einem hohen, der seine Aufmerksamkeit für einen Augenblick streifte. Und einem tiefen, dumpfen, der ihm die Stimme seiner Frau immer fremder erschienen ließ. Dieses seltsame Gefühl des Unbehagens wurde indes immer intensiver. Steiner überlegte, ob es vielleicht Angst vor dem kommenden Gespräches war. Deutlich zeichnete sein Geist das Bild des Geschäftsführers. Er würzte dieses mit der Bedeutung des heute stattfindenden Gespräches. Doch konnte er kein Anzeichen von Nervosität in ihm erkennen. Nein, diese Unterredung trug keineswegs Schuld an jener Angst, die ihn erfüllte.
"... und auch dir würde das gefallen. Herbert? Herbert?"
Seine Frau beugte sich vor und schüttelte ihn sanft an der Schulter.
"Herbert? Fühlst du dich nicht wohl?"
Er sah sie erstaunt an. Dann fiel ihm die begonnene Unterhaltung über ihre Mutter ein.
"Ja, dann lade sie ein" versuchte er ihren kritischen Blick zu entkräften.
"Hast du mir überhaupt zugehört?"
"Aber sicher. Und ich finde auch, dass wir sie am Sonntag einladen sollten."
"Ich habe dir aber gerade erzählt, dass ich vergessen hatte, das sie Freitag für eine Woche auf Kur nach Salzburg fährt."
Peinlich berührt sah Steiner zur Seite. Mit beleidigter Miene stand seine Frau auf und begann wortlos, den Tisch abzuräumen. Er betrachtete ihren schmalen, kinderlos gebliebenen Körper, der nun schon seit fast dreißig Jahren an seiner Seite war. Doch jede ihrer Bewegungen war ihm fremd. Er verspürte auf einmal den Wunsch, diesen Ort so schnell als möglich zu verlassen. Hastig stand er auf und verließ die Küche. Er schlupfte in seinen langen, beigen Mantel, setzte seinen Hut auf und verließ grußlos die Wohnung.

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Als sich Herbert Steiner an jenem verhängnisvollen Morgen auf den Weg zu seiner Arbeitsstätte machte, war er von einem seltsamen, niemals in dieser Weise zuvor verspürtem Gefühl der Beklemmung durchdrungen. Eine Beklemmung, die seine Glieder und Gedanken zu lähmen schien. Der Tag hatte wie einer jener Tage begonnen, an denen man beim Erwachen sofort fühlt, dass Einem heute Unglück widerfahren wird. Doch als er aus dem dunklen Hausflur trat, begrüßte ihn der Tag in aller seiner Herrlichkeit. Strahlend blau zeigte sich der Himmel, den vereinzelt kleine weiße Wolken entlangwanderten. Eine leichte Brise zog durch die Stadt und wüßte man nicht um den eingekehrten Herbst, so hätte man sich inmitten des Frühlings gefühlt. Beide Hände tief in den Taschen seines Mantels vergraben schlenderte er den Weg an der Mauer des Zentralfriedhofes entlang.

Weit über die Mauer hinaus erstreckten sich die alten knorrigen Äste der Bäume über diesen schmalen Weg und ein Ausdruck der Verzweiflung schien in ihnen zu liegen. Hie und da fiel ein gelbes Blatt auf den Weg, sanft vom Winde geschaukelt, in der Hundertschar der auf dem Weg liegenden Blätter verschwindend. Vereinzelt saßen dunkle Vögel auf dieser Mauer und stießen schrille Laute nach allen Richtungen. Doch vermochten sie weder die Ruhe der Toten zu stören noch die Angst Steiners vertreiben. (...)

(C) 2005 Oliver Forrest - Alle Rechte vorbehalten.

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